Das Team von Ralph Pichler auf dem Weg zum Schweizermeister 1986 im Sunny-Corner, St. Moritz

 

Der Leistungssport als Herausforderung und Lebensphilosophie…

Im Jahre 1979/80 wurde ich von meinem Fussballkollegen Guy Lüdi im FC Pfäffikon gefragt, ob ich nicht Lust hätte, Bobfahrer zu werden. Sein Vater war in den Siebzigerjahren ein äusserst erfolgreicher Bobsportler gewesen (mehrfacher Schweizermeister, Vizeweltmeister etc.), und nun wollten seine beiden Söhne Fritz jun. und Guy in Vaters Fussstapfen treten. Etwas ungläubig konnte ich mir anfangs sowas überhaupt nicht vorstellen; wir vereinbarten dennoch ein paar Probetrainings. Nachdem ich  wegen ausgedehnten „Froschhüpf-Einheiten“ an einem der vielen Trainingseinheiten die Treppen nur noch rückwärts gehen konnte (böser Muskelkater an Stellen, die ich bisher gar nicht kannte), dachte ich mir, dass ein solcher Blödsinn nicht wirklich Inhalt meiner Freizeit werden sollte. Vielleicht hätten wir auch nicht unbedingt die 700 m lange Finnenbahn froschhüpfend „bezwingen“ sollen…

Und es kam doch anders…

Angefressen von der Leistungssteigerung des regelmässigen und harten Trainings stählte ich mittlerweile sechsmal die Woche meinen Körper. Im ersten Bobjahr schaffte ich mit Guy prompt den Aufstieg von der Kategorie B in die höchste Klasse A. Sein erfolgreicher Vater Fritz Lüdi war ein fordernder, unerbittlicher Trainer gewesen, aber für mich auch eine Vaterfigur. Fazit nach dem ersten Bobjahr: Der Wille kann Berge versetzen…
Damals gab es in der Schweiz noch drei Stärkeklassen mit je 20 Mannschaften (A, B und C, wobei A die Elite darstellte). In der Stärkeklasse A waren unter anderen auch die Mannschaften von Erich Schärer, Hans Hiltebrand, Ralph Pichler, Silvio Giobellina und Ekkehard Fasser am Start – also die gesamte damalige Weltelite (lauter Olympiasieger, Welt- und Europameister).

1982 selektionierte mich der SBSV (Schweizerischer Bob-, Schlittel- und Skeleton-Sportverband, heute Swiss Sliding) aufgrund athletischer Tests als Bremser an die Junioren-Europameisterschaft in Winterberg im Hochsauerland (damals BRD). Mit Silvio Hunger – einem sehr talentierten Nachwuchspiloten – dufte ich im Zweierbob die Schweiz vertreten. Erstmals starteten im westdeutschen Winterberg auch Mannschaften der vormaligen UDSSR mit über 21 Athleten. Unser erster internationaler Einsatz konnten wir mit dem Europameister-Titel krönen, obwohl wir mit Fieber und GrIppe zu kämpfen hatten.

1984 konnte ich erstmals bei der Elite zusammen mit Hans Hiltebrand in Innsbruck auf dem Olympiabobrun eine 4er-Bob-Europameisterschaft als Bremser bestreiten; es resultierte der 4. Schlussrang. Als stärkste Konkurrenz nebst den Schweizer Schlitten erwiesen sich die Profisportler aus der damaligen DDR. Ihr Jahresbudget für den Leistungssport lag auf Verbandsstufe über 40x höher als jenes der Schweiz. Die Schweizer Mannschaften mussten deshalb auch noch eigene Sponsoren akquirieren, um diesen Sport überhaupt finanzieren zu können. Dafür dürfte unser Enthusiasmus vermutlich ausgeprägter gewesen sein als jener der Berufssportler aus dem nordöstlichen Nachbarland: Wir durften gewinnen – sie hingegen mussten, der Staat erwartete das von seinen Athleten, schliesslich war es ihr Beruf. Das „Gewinnendürfen“ im Gegensatz zum Müssen führt zu gesteigerter intrinsischer Motivation und Begeisterung für den Sport – wir Schweizer empfanden es als besonderes Privileg, an einem internationalen Sportanlass die Landesfarben vertreten zu dürfen. Und weil Amateure auf sehr viel Freizeit verzichten müssen – alle Mannschaftsmitglieder gingen einer geregelten Arbeit nach – war die Motivation, mit den eingeschränkten Ressourcen möglichst effizient umzugehen und das Beste herauszuholen, umso grösser. Dies war wohl einer der Gründe dafür, weshalb wir als Amateur-Sportler den Profis aus dem Ausland erfolgreich die Stirn bieten konnten. Aber auch die Innovationen unserer Piloten und der Schweizer Industrie im Umgang mit dem Material (Bobschlitten) trugen zu den jahrelangen internationalen Erfolgen bei. Der Bobsport war in den 1970er bis in die 2000er-Jahre in der Schweiz sehr populär und international erfolgreich gewesen.

1985 stiess ich fix zur Mannschaft von Ralph Pichler und wir errangen mit dem 4er-Bob den 3. Rang an der Schweizermeisterschaft in St. Moritz und den 4. Rang an der Weltmeisterschaft in Cervinia I. Die Trainingseinheiten wuchsen auf 10 – 12 in der Woche. Ausser arbeiten und trainieren passierte nicht mehr viel anderes, „Freizeit“ existierte nur noch als Begriffserklärung im Duden. Aber es war es Wert…

1986 wurden wir mit dem Team von Ralph Pichler überlegen Schweizermeister, an der Europameisterschaft Sechste und an der Weltmeisterschaft Dritte – mit einem Hunderstel Vorsprung vor Wolfgang Hoppe (DDR). An der Europameisterschaft schneite es am Wettkampftag wie aus Kübeln. Mit der zweitletzten Startnummer konnten wir in der mittlerweile schneebedeckten Bahn gegen die Zeit der DDR nichts mehr ausrichten, die mit Startnummer 3 bei fast blanker Bahn ins Rennen gegangen war. Doppelt bitter: Wir dominierten das Training bei guten Witterungsverhältnissen und blanker Bahn während der ganzen EM-Trainingswoche nach Belieben und stellten gar zweimal den aktuellen Bahnrekord ein (Bahnrekorde werden allerdings nur bei offiziellen Wettkämpfen gewertet). Der Europameistertitel wäre also greifbar gewesen, ja „sprang“ uns förmlich an. Das Wetter spielte aber unseren stärksten Gegnern in die Karten. So funktioniert Leistungssport nun mal, wir mussten uns also auf die WM konzentrieren.
Bemerkenswert in jenem Jahr war ausserdem der Umstand, dass wir im eigenen Land mindestens 3 aktive Weltmeister schlagen mussten (weil nur 2 (WM) bzw. 3 (EM) Teilnehmer pro Land zugelassen waren), um überhaupt an die EM und WM fahren zu können. Und für den Schweizermeistertitel mussten wir sogar vier der weltbesten Mannschaften besiegen, um die Goldmedaille zu erringen. Dieser Erfolg bedeutete deshalb für unsere Mannschaft viel, war der Wettkampf doch wie eine „kleine WM“ gewesen…

1987 erlitt ich im Beruf eine Fussgelenkverletzung, die mich zu einer zweijährigen Sportpause zwang.

Von 1989 – 1992 war ich im Nachwuchsteam von Celeste Poltera – ein früheres Mitglied des Pichler-Vierers zusammen mit Gusti Weder – aktiv gewesen. Viele der grossen Namen im Bobsport waren inzwischen zurückgetreten. Die Olympiaqualifikation verpassten wir nur sehr knapp – schade, wir hätten unser Land gerne auch an diesem Wettbewerb vertreten. Deshalb nagelte ich nach dem letzten Lauf an der Schweizermeisterschaft 1992 meine Starterschuhe mit zwei 100er-Nägeln an das Zielhaus. Dort prangten sie für den Rest des Winters als Mahnmal für jeden Sportler, dass irgendwann die Zeit gekommen ist, den Wettkampfsport loszulassen… 12 Jahre der Entbehrungen und eisernen Disziplin hinterliessen Spuren, vor allem gute. Während jener Zeit formte ich meine Fitness – jetzt nach der Sportlerzeit war der Intellekt dran, und das ist gut so…

Die Erfahrungen im Leistungssport halfen mir, nach meiner Aktivkarriere noch während dreier Jahre für den Bobverband administrativ tätig zu sein. Es war eine tolle und unvergessliche Zeit gewesen. Eine Zeit, die einen nicht nur sportlich, sondern auch menschlich wachsen liess. Am Ende bleibt man im Herz zeitlebens Sportler…

Sportliche Erfolge

1980 – 1992
Bobfahrer (Bremser) in der Schweizer Bob-Nationalmannschaft

Wichtigste Resultate             

1. Rang SM 4er-Bob 1986 in St. Moritz (CH) (Schweizermeister)
3. Rang SM 4er-Bob 1985 in St. Moritz (CH)
4. Rang SM 2er-Bob 1985 in St. Moritz (CH)
5. Rang SM 2er-Bob 1983 in St. Moritz (CH)

1. Rang EM 2er-Bob 1982 in Winterberg (D) (Europameister)
4. Rang EM 4er-Bob 1984 in Igls/Innsbruck (A)
6. Rang EM 4er-Bob 1986 in Igls/Innsbruck (A)

2. Rang NC  4er-Bob 1986 in Königssee (D)
3. Rang WC 4er-Bob 1985 in St. Moritz (CH)
3. Rang WM 4er-Bob 1986 in Königssee (D)
4. Rang WM 4er-Bob 1985 in Cervinia (I)

SM = Schweizermeisterschaften
EM = Europameisterschaften
NC = Nationencuprennen
WC = Weltcuprennen
WM = Weltmeisterschaften